Das Motiv
Eine BlĂŒte, ein Motiv â und doch unzĂ€hlige Formen und Perspektiven. Zur Genesung erhielt ich eine einzelne Calla, ohne BlĂ€tter oder GrĂ€ser, wie sie sonst einen kleinen BlumengruĂ begleiten. Das brachte mich zum Nachdenken: Wie lĂ€sst sich eine einzelne BlĂŒte fotografisch inszenieren? Bilder von Callas kamen mir in den Sinn, die ich in Zeitschriften, BĂŒchern oder an WĂ€nden gesehen hatte. Die Erinnerungen waren vage, meist zeigten sie mehrere StĂ€ngel. Ob das einfacher oder schwieriger zu fotografieren ist, ĂŒberlegte ich nicht weiter. Vermutlich erfordert es mehr Aufwand, ein harmonisches Ergebnis mit mehreren BlĂŒten zu erzielen.
Doch ich hatte nur diese eine Calla. Einen Tag und eine Nacht betrachtete ich sie, bevor ich sie mit dem âfotografischen Augeâ ansah. Ich suchte nach Blickwinkeln, Perspektiven und ĂŒberlegte, wie das Licht fallen sollte. Die reinweiĂe BlĂŒte stellte hohe AnsprĂŒche an die Belichtung â sie durfte nicht ins Clipping geraten. Auch der Hintergrund war eine Frage: hell, dunkel, neutral oder im natĂŒrlichen Umfeld der Wohnung?
Die Aufnahmen
Ich begann mit ersten Versuchen unter diesen Bedingungen. Alles schien möglich: eine helle Leuchtplatte, dunkler Stoff oder neutralgrauer Karton als Hintergrund. Bald rĂŒckte die Form der BlĂŒte ins Zentrum â das prĂ€gende Element der Serie. Es ging darum, den Charakter dieser einzigartigen Pflanze zu erfassen. Zwei AnsĂ€tze verfolgte ich zunĂ€chst: die Ă€uĂere Form aus verschiedenen Perspektiven und den BlĂŒtenkelch mit dem gelben BlĂŒtenstĂ€ngel. SchlieĂlich experimentierte ich mit Intentional Camera Movement (ICM): Mit geschlossener Blende und langer Belichtungszeit brachte ich Bewegung ins Bild. So entstanden Hunderte Fotos, von denen die meisten nach zwei bis drei Sichtungen gelöscht wurden. Einige wenige fanden ihren Weg in die Galerie.
An zwei Tagen fotografierte ich intensiv, oft im Fokusstacking-Modus, um die gesamte BlĂŒte scharf abzubilden. Die Einzelbilder des Stackings löschte ich, nur die zusammengefĂŒgte DNG-Datei blieb als Basis fĂŒr die Bearbeitung erhalten.
Die Bildbearbeitung
Obwohl die Aufnahmen korrekt belichtet waren, nahm ich fast immer Anpassungen vor. Lightroom allein genĂŒgte selten, weshalb ich die meisten Bilder zusĂ€tzlich in Photoshop bearbeitete. Lightroom hat die Eigenart, beim Import die Belichtung automatisch anzupassen. Das ist bei durchschnittlich belichteten RAW-Dateien oft nötig, da sie sonst flau wirken. Doch bei meiner âBelichtung nach rechtsâ (ETTR) fĂŒhrt das zu ausgebrannten Lichtern. Um das zu korrigieren, wende ich ein lineares Profil an, das den ursprĂŒnglichen Zustand der RAW-Datei wiederherstellt. So steht mir das gesamte Tonwertspektrum fĂŒr die Bearbeitung zur VerfĂŒgung â der Ausgangspunkt fĂŒr Photoshop.
Die Bilder, die im natĂŒrlichen Licht entstanden, waren der erste Schritt meiner Auseinandersetzung mit dem Motiv. Dieser Prozess dauerte Monate und ist bis heute nicht abgeschlossen.
Die Farben
In einem Buch, einem Newsletter oder im Internet stieĂ ich auf ein Foto in blauen Tönen. Es inspirierte mich, eines meiner Bilder in Ă€hnlichen Farben zu gestalten. Das quadratisch beschnittene Bild zeigte nur die Ă€uĂeren Umrisse einer BlĂŒte. Dabei löschte ich versehentlich die Originaldatei und behielt nur die bearbeitete Photoshop-Version â ein Fehler, der mir erst heute auffiel.
Die Farbgestaltung entstand durch eine einfache Verlaufsumsetzung. Die Farben hatte ich nur vage im Kopf und trug sie in die Palette ein. Nach drei Versuchen erreichte ich die gewĂŒnschte Wirkung. Zwei ungenutzte Mischebenen blendete ich aus, sodass der Weg zum Endergebnis bis heute nachvollziehbar bleibt.
Dieses Bild fasziniert mich bis heute. Es wurde der Ausgangspunkt fĂŒr weitere Experimente. Die Eleganz der BlĂŒte in ihrem âblauen Kleidâ erinnerte mich an ein Zitat von Picasso:
âFarben sind nur Symbole. Die Wirklichkeit liegt allein in der Helligkeit. Wenn ich kein Blau mehr habe, nehme ich Rot. â
FĂŒr Picasso zĂ€hlte die Helligkeit. Bei meiner Calla prĂ€gt die zeitlose Form das Bild. Die Farben sind, wie Picasso sagt, nur Symbole â das zeigen auch die weiteren Umwandlungen, die ich erst fĂŒnf Monate spĂ€ter beim Schreiben dieser Zeilen erstellte.
NachtrĂ€glich analysierte ich die Farben der Calla im blauen Kleid: Königsblau, Himmelsblau und Lavendel dominieren. Weitere Varianten entstanden durch verĂ€nderte Mischmodi wie âweiches Lichtâ oder âLuminanzâ.
Details zu den weiteren Farbumwandlungen in der Bildergalerie lasse ich weg. Ab jetzt ĂŒberlasse ich es dem Betrachter, die Bilder selbst zu genieĂen. Zum Schluss schaute ich in die Wikipedia, um nachzulesen, wie die Calla dort beschrieben wird: âDer Name Calla stammt vom altgriechischen Wort ÎșαλÏÏ kalĂłs und bedeutet âschönâ. â Dem stimme ich zu und habe deshalb dieses Wort fĂŒr den Titel gewĂ€hlt. Die botanische Beschreibung ist dort natĂŒrlich viel ausfĂŒhrlicher.